Ist der Kreativarbeiter einer solchen Situation ausgesetzt, wird für ihn auch die kreativste Aufgabe zur absoluten Zumutung. Denn er sieht nicht mehr die Arbeit an sich, die ihm ja eigentlich Freude und Erfüllung bereitet, sondern ist sich zu jeder Zeit bewusst, dass er nicht der Entscheidungsträger ist, dass also seine Arbeit immer bloß ein Vorschlag für seinen Vorgesetzten bleibt. Der kreative Angestellte sieht sich vor die Wahl gestellt. Entweder verändert er sich selbst, seine Ansprüche an die Arbeit und seine Gewohnheit, macht sein Hobby wieder zum Hobby und betrachtet sein Angestellten-Verhältnis als die pure Arbeit. Oder er verlässt die Sicherheit der Anstellung, um die eigene gestalterische Unabhängigkeit zu suchen. Als Freiberufler ist der Kreativarbeiter selbstbestimmt, er kann jeden Auftrag, der ihm Angeboten wird, selbst zu- oder absagen. Damit einher geht aber auch – neben der Tatsache, dass der Verdienst ausbleibt, wenn die Aufträge ausbleiben – ein großer Mehraufwand. Von Buchhaltung über Produktionsabwicklung bis hin zu Kunden, die womöglich genauso anspruchsvoll und gestaltungswillig sind wie der Vorgesetzte in der Firma, ist der Freiberufler nun konfrontiert mit ungewohnten Aufgabenfeldern. Möglicherweise, sogar wahrscheinlicherweise, kommt der Freiberufler in die Verlegenheit, Aufträge anzunehmen, die nicht seinen moralischen oder gestalterischen Vorstellungen entsprechen. Und doch liegt in der Freiheit der Entscheidung, in der Freiheit zur Gestaltung des Produktionsablaufs, in der Freiheit zur Einteilung der Arbeitszeit das Potenzial, die Leidenschaft am Beruf, die im Angestelltenverhältnis so leicht verloren geht, wiederzufinden. In freien Projekten sind meist deutlich weniger Menschen an Entscheidungen die Gestaltung betreffend involviert. Kommt es im Unternehmen vor, dass zwischen den unterschiedlichen Hierarchie-Ebenen Kompromisse gefunden werden, die letztendlich bloß auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner basieren und somit immer weniger Bedarf für Gestaltung haben, stehen beim Freelancer die Chancen höher, dass die Kommunikation mit dem Auftraggeber auf Augenhöhe abläuft – schließlich wurde der Kreativarbeiter ja anhand seines Portfolios, also seines bisherigen Schaffens, mit der Aufgabe betreut. Unter freiberuflichen Kreativarbeiten gilt das Paradigma des wenig Arbeitens für viel Geld nicht. Hier ist beschäftigt sein der Beweis dafür, dass man gefragt ist. Da im Freelancertum häufig die Formel „weniger Bezahlung = größerer kreativer Freiraum“ angewendet wird, bedeutet sogar viel Arbeit für wenig Geld, dass es insofern besonders gut läuft, als dass der Kreativarbeiter tatsächlich eher für seine eigene Kreativität gebucht wird, und weniger als Umsetzer von fremden Ideen fungiert. Da der Freelancer stets die Wahl hat, wie viel seiner Aufmerksamkeit er welchem Projekt zukommen lässt, kennt er aber auch hinter jedem Arbeitsschritt den Sinn. Gibt es eine besonders komplizierte Faltung vor, von Hand selbst vorgenommen zu werden, um Budget frei zu halten, wird dieses Falzen von Hand nicht als unangenehm monoton sondern als meditativ und beruhigend wahrgenommen. Zumal der Freelancer diesen Extra-Aufwand nur für solche Projekte betreibt, die er für moralisch richtig und unterstützenswert hält.